Capoeira ist nicht nur eine körperliche Praxis. Sie ist nicht lediglich Bewegung, Technik oder Spiel. Sie ist Beziehung. Beziehung zu sich selbst, zum Anderen und zur Tradition, die wir tragen – ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Deshalb ist die Ethik der Capoeira kein Zusatz, sondern ihr Kern.
Durch das Studium des Werkes von Nestor Capoeira, durch das Tragen des lebendigen Erbes von Mestre Bimba und Mestre Pastinha und durch die Inspiration aus dem Weg und der Haltung von Mestre Cobra Mansa und ihren Schülern wird mir immer klarer, dass Capoeira geschaffen wurde, um Kraft zu veredeln – nicht, um sie zur Schau zu stellen.
Capoeira erzeugt unweigerlich ein Gefühl von Fähigkeit. Der Körper wird stärker, der Raum öffnet sich, die Präsenz wächst. Gleichzeitig entstehen Selbstinszenierung, das Bedürfnis nach Anerkennung und das Ego. Das ist nicht falsch, sondern menschlich. Entscheidend ist nicht, ob diese Gefühle auftauchen, sondern wie wir mit ihnen umgehen.
Ohne Führung verwandelt sich Fähigkeit leicht in Dominanz. Selbstvertrauen gleitet in Arroganz. Das Spiel verliert seinen Dialog und wird zum Monolog. An diesem Punkt erscheint eine Capoeira ohne Ethik, in der der Andere nicht mehr Partner ist, sondern Mittel zur Selbstbestätigung. Eine Capoeira, die nicht zuhört, nicht wartet und den Rhythmus des anderen Körpers nicht respektiert.
Mestre Bimba führte Struktur ein, nicht um zu beschränken, sondern um zu schützen – um zu lehren, dass Kraft Grenzen braucht. Mestre Pastinha bewahrte die Langsamkeit, um daran zu erinnern, dass Weisheit nicht schreit und dass Demut eine Form von Wissen ist. Mestre Cobra Mansa brachte uns immer wieder zur Gemeinschaft zurück, denn ohne Gemeinschaft verliert Capoeira ihren Sinn.
Wenn Capoeira von ihrer Ethik getrennt wird, hört sie auf, befreiend zu sein, und beginnt Macht zu reproduzieren. Die Roda wird zur Bühne. Tradition wird zum Vorwand. Der Mestre riskiert, unantastbare Autorität zu werden, und der Schüler riskiert, seine Stimme zu verlieren, statt sie zu finden. Hier entstehen toxische Hierarchien, verdeckte Gewalt und Egos, die sich als „Tradition“ verkleiden.
Capoeira wurde nie geschaffen, um einzuschüchtern. Sie entstand, um mit Intelligenz zu überleben, mit Gefahr zu spielen, ohne sie zu verherrlichen, und Räume der Begegnung zu schaffen. Ihre Ethik ist kein Regelwerk auf Papier, sondern eine Haltung von Körper und Seele. Sie zeigt sich darin, wie man die Roda betritt, wie man den Anderen anschaut, ob man Raum lässt oder ihn besetzt.
Als Mestre Ligeirinho empfinde ich meine größte Verantwortung nicht darin, zu zeigen, wie viel ich weiß, sondern das Feld klar zu halten. Daran zu erinnern, dass Capoeira ohne Ethik nur Bewegung ist. Mit Ethik jedoch wird sie zu einem Weg – einem Weg, der keine Überlegenheit verspricht, sondern Bewusstheit. Und das ist für mich ihre wahre Kraft.
