Ich schreibe diese Worte nicht als Lehrer, der eine Lektion erteilt, sondern als Capoeirista, der den Weg noch immer geht. Als Mestre Ligeirinho, der gelernt hat, der Roda zuzuhören, bevor er spricht, den Körper zu beobachten, bevor er dem Verstand folgt, und die Stille ebenso zu achten wie das Lied. Die drei „M“ der Capoeira – Mandinga, Malícia und Malandragem – sind keine Begriffe, die sich leicht erklären lassen. Sie sind Haltungen zum Leben, weitergegeben von Generation zu Generation, von Körper zu Körper, von Blick zu Blick.
Mandinga ist das am meisten missverstandene der drei. Viele verwechseln sie mit Schauspiel oder etwas „Mystischem“. Für mich und für die großen Mestres, denen ich zugehört habe, ist Mandinga die Seele der Capoeira, wenn sie aufhört, bloße Bewegung zu sein. Es ist der Moment, in dem der Körper spricht, ohne zu schlagen, in dem ein Lächeln zur Frage wird und das Zögern zur Absicht. Capoeira war nie Eile. Mandinga lebt in der Geduld. Sie ist keine Selbstdarstellung, sondern Bewusstsein. Die Fähigkeit, präsent zu sein, ohne sich vollständig zu offenbaren. Etwas zutiefst Philosophisches.
Malícia ist näher am Boden. Sie entstand aus Notwendigkeit. Sie war nie Bosheit, sondern Überlebensintelligenz. Die alten Capoeiristas konnten es sich nicht leisten, direkt zu sein. Sie mussten die Umgebung lesen, den Gegner, die Gesellschaft. Malícia ist die Fähigkeit, hinter die Bewegung zu schauen, die Absicht zu erkennen, bevor sie zur Handlung wird. Es geht nicht darum, andere zu täuschen, sondern sich selbst zu schützen.
Und dann ist da die Malandragem. Die sozialste der drei. Die gefährlichste – und die menschlichste. In ihr leben die Straßen Brasiliens: die Häfen, die Viertel, die Musik, die Armut. Malandragem ist die Kunst, sich zwischen Regeln zu bewegen, ohne sie offen zu brechen. Sie ist keine Unmoral, sondern Anpassungsfähigkeit. Die Fähigkeit, aufrecht zu bleiben in einer Welt, die dich nicht aufrecht sehen will. In der Capoeira ist Malandragem das Lächeln voller Erfahrung, der lockere Schritt, der in Wahrheit präzise berechnet ist.
Diese drei „M“ existieren nicht getrennt voneinander. Wer Capoeira wirklich spielt, verbindet sie. Mandinga gibt Tiefe, Malícia schärft den Blick, Malandragem schenkt Beweglichkeit. Gemeinsam lehren sie mehr als Kampfkunst. Sie lehren, wie man lebt, ohne sich selbst zu verlieren. Wie man freundlich ist, ohne naiv zu sein. Wie man stark ist, ohne gewalttätig zu werden.
Wenn ich eines in all den Jahren in der Roda gelernt habe, dann dies: Capoeira fragt nicht, wie stark du bist, sondern wie bewusst. Und diese drei „M“ sind der Spiegel dieses Bewusstseins. Sie werden nicht in einer einzigen Trainingseinheit gelehrt. Sie stehen in keinem Regelwerk. Sie werden still weitergegeben – wenn der Schüler bereit ist zu sehen und der Mestre bereit ist zu schweigen.
