Am Anfang habe ich die Ginga nicht verstanden.Nicht technisch — das lernt man irgendwann.Sondern warum es sie überhaupt gibt.
Warum diese ständige Bewegung?Warum nicht einfach mal stehen bleiben?Warum diese permanente Instabilität?
Mit der Zeit habe ich verstanden:Genau darum geht es. Man bleibt nicht stehen.
Ginga ist nichts, was man macht. Es ist, wie man steht.
Kein Schritt.Keine Übung.Sondern eine Art, im Spiel zu sein.
Und wenn man genauer hinschaut, ist es ähnlich wie in Beziehungen.Wie viel Raum du einnimmst.Wie viel Raum du lässt.Ob du dich verkrampfst oder beweglich bleibst.
In der Ginga sieht man sofort, wenn jemand einfriert.In Beziehungen dauert es nur etwas länger.
Distanz
Eines der ersten Dinge, die Capoeira lehrt, ist Distanz.Nicht zu nah. Nicht zu weit weg.
Kommst du zu nah, wirst du verwundbar.Bist du zu weit weg, gibt es kein Spiel.
Außerhalb der Roda ist es genauso.Manche gehen zu schnell rein.Andere gehen gar nicht richtig rein.
Am Ende bleiben beide oft allein.
Kontrolle zerstört das Spiel
Am Anfang wollen wir alles kontrollieren.Unseren Körper.Den Rhythmus.Den anderen.
Bis man merkt: Je mehr man sich verkrampft, desto weniger spielt man.Capoeira funktioniert so nicht.
Beziehungen auch nicht.
Verbindung entsteht nicht durch Kontrolle,sondern durch Präsenz.
Nicht immer im gleichen Rhythmus
Es gibt Tage, da fühlt sich die Ginga schwer an.Und Tage, an denen sie fließt.
Nicht jeder Tag ist für das gleiche Spiel.
In Beziehungen vergessen wir das.Wir erwarten, dass der andere immer gleich ist.Stabil.Verfügbar.
Aber niemand spielt Capoeira so.
Was geblieben ist
Ginga ist nicht da, um gut auszusehen.Sie hält dich im Spiel.
Im Spiel.In der Beziehung.Bei dir selbst.
Nähe zulassen zu können.Distanz nehmen zu können.Und den eigenen Rhythmus nicht zu verlieren, nur weil Angst auftaucht.
Capoeira hat mir eines gezeigt:Stabilität ist keine Starre.Sie ist die Fähigkeit, in Bewegung zu bleiben.
